Die Kirche und die soziale Frage

 

Von Prälat Prof. Dr. Friedrich Janssen,

Geistlicher Beirat des Bundesverbandes

 

Christen waren und sind immer wieder versucht, aufgrund ihrer Hoffnung auf die Auferstehung und das neue, ewige

Leben nach dem Tod ihre Weltverantwortung zu relativieren. Schon in der urkirchlichen Zeit mussten sie ermahnt werden, über der Erwartung der Wiederkunft Christi als Auftakt zu einer neuen Welt das gesellschaftliche und karitative Engagement nicht zu vernachlässigen: „Ihr aber, Brüder, werdet nicht müde, Gutes zu tun“ (2 Thess 3,13).

 

Wenngleich der Mensch zu einer ewigen Existenz, zu einem Leben nach dem Tode in der Herrlichkeit Gottes berufen ist, darf er bei aller Hoffnung auf die ewige Zukunft die irdische Zukunft nicht aus den Augen verlieren. Eine exklusive Jenseitsorientierung blendet aus, dass „die Verheißungen des Reiches Gottes uns mitten in unsere Lebenswelt hineinführen“(Synodentext „Unsere Hoffnung“). Daraus folgt, dass die soziale Frage nicht erst im Jenseits, sondern hier und heute einer Lösung harrt. Ein Aufschub der sozialen Verantwortung wäre eine unverantwortliche und unerträgliche Programmverschiebung, eine billige Jenseitsvertröstung, die nur jene bestätigen

würde, die Religion zum Opium für das Volk deklarieren.

 

Frohe Botschaft ist auch soziale Botschaft

 

Jesus ist zwar nicht primär ein Sozialmessias oder Brotmessias, aber sein Evangelium hat zweifellos sozialpolitische

Konsequenzen. Die Frohe Botschaft ist auch eine soziale Botschaft.

Geitliches Wort

Man würde die Seligpreisungen der Bergpredigt („Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich.

Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden…Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden“ – Mt 5,3.4.6) gründlich missdeuten, als seien hier wegen des Futurs („werden“) ausschließlich zukünftige Verheißungen und Zustände gemeint, vielmehr sind die Aussagen als Handlungsmaxime für die Aktivitäten hier und heute zu interpretieren. Die Bergpredigt kann und darf zwar nicht als konkretes Sozialprogramm definiert werden, sie lässt aber sehr wohl die Grundrisse und Grundprinzipien für eine gerechte Sozialordnung erkennen. Sie ist Leitlinie und zugleich Richtschnur für soziales und gerechtes Handeln.

 

Gewiss lässt sich das Paradies auf Erden nicht verwirklichen. Es wird immer eine Utopie und Illusion bleiben, eine perfekte und gerechte Gesellschafts- und Sozialordnung zu schaffen. Aber wenn schon nicht das Optimum erreicht werden kann, so muss doch wenigstens ein Maximum an christlichen Sozialprinzipien umgesetzt werden.

 

Fundamentale Rechte der Arbeitnehmer

 

Diese Prinzipien sind seit 1891, als Papst Leo XIII. die erste große Sozialenzyklika „Rerum novarum“ vorlegte – 30 Jahre nach dem kommunistischen Manifest von Karl Marx (spät, aber nicht zu spät) –, systematisch entwickelt und weiter entfaltet worden. Vor allem kristallisieren sich die drei großen Prinzipien der Katholischen Soziallehre heraus: Personalität (Würde und Wert des Einzelnen), Solidarität (Verpflichtung zum solidarischen Handeln für das Gemeinwohl) und Subsidiarität (Hilfe zur Selbsthilfe, Verpflichtung zur Eigenverantwortlichkeit). Es werden die

fundamentalen Rechte des Arbeitnehmers verteidigt (Recht auf Lohn, Eigentum, Versammlungsfreiheit) und auch weitere Sozialmaßnahmen angemahnt. In den vielen Sozialrundschreiben, die nach „Rerum novarum“ folgten (z.B. „Quadragesimo anno“, „Mater et magistra“, „Laborem exercens“) werden diese Forderungen präzisiert und erweitert. „Centesimus annus“ kann als Quintessenz derselben bezeichnet werden. Die Enzyklika sagt ein kategorisches Nein zu einem Kapitalismus ohne Sozialpflichtigkeit. Die Lösung der Probleme darf nicht im blinden Glauben der freien Entfaltung der Marktkräfte überlassen werden. Insgesamt lässt sich die Enzyklika so deuten: Das marktwirtschaftliche Credo ist nicht das Heil aller Dinge, vielmehr muss der Staat die Rahmenbedingungen schaffen, die einer ebenso freien wie sozialen Marktwirtschaft dienen. „Marktwirtschaft pur“ ist ein Attentat auf die soziale Gerechtigkeit. Eine freie Marktwirtschaft ohne soziale Komponenten wäre ein Rückfall in den Manchesterkapitalismus und Wirtschaftsliberalismus, die den Menschen zu einem reinen Produktionsfaktor und Molekül ökonomischer Prozesse degradieren. Der Mensch ist das wichtigste Kapital eines Unternehmens. Arbeit hat immer den Vorrang vor dem Kapital. Der Mensch muss im Zentrum der sozialen Marktwirtschaft stehen.

 

Auch das Gemeinsame Wort der Evangelischen und Katholischen Kirche vom 28. Februar 1997 – in diesem Jahr ist es 10 Jahre alt – mahnt Solidarität und Gerechtigkeit an als Maßstäbe für eine zukunftsfähige und nachhaltige Wirtschafts- und Sozialpolitik. Zur sozialen Gerechtigkeit gehört unabdingbar die Teilhabe aller. Dies verlangt den Abbau der Arbeitslosigkeit, die vorrangige Berücksichtigung der vielen Armen, die sich an der prekären Grenze des

Existenzminimums bewegen, der Schwachen und Notleidenden, überhaupt eine erneuerte Sozialkultur. Diese Forderungen haben nichts an Aktualität eingebüßt.

 

Es sind tiefe Risse, die durch unser Land gehen: Vor allem der wachsende Riss zwischen Wohlstand und Armut – die Schere zwischen Arm und Reich wird immer größer – oder der längst nicht geschlossene Riss zwischen Ost und West.

 

Nicht in religiösen Dornröschenschlaf  fallen

 

Angesichts dieser akuten sozialen Notlage dürfen wir Christen nicht einfach die Hände in den Schoß legen, in einen religiösen Dornröschenschlaf fallen und uns in dieser Welt wie in einem Wartesaal zur Ewigkeit ausruhen. Das Christentum ist kein Schlafpulver, sondern dynamische Heilsenergie, die uns zu einem karitativen Einsatz für eine

bessere Welt antreibt. Wir haben hier auf Erden mitzumischen, eine aktive Rolle zu spielen. Auch wir KKVer(innen) sind aufgerufen, durch unsere Mitwirkung am Aufbau einer humanen Gesellschaft und gerechten Sozial- und Wirtschaftsordnung sowie durch die Umsetzung christlicher Lebensprinzipien etwas vom Reiche Gottes schon jetzt zu realisieren.

 

Freilich wird dieser sozialpolitische Einsatz immer fragmentarisch bleiben; dennoch ist er nicht umsonst, und sei der Effekt noch so minimal. Papst Johannes Paul II. sagt: „Nichts von dem, was man durch die solidarische Anstrengung aller… verwirklichen kann und muss – auch wenn es unvollkommen und nur vorläufig ist –, um das Leben der Menschen menschlicher zu gestalten, wird verloren oder vergeblich sein… Hier auf Erden ist das Reich (Gottes) schon im Geheimnis da“ (Enzyklika „Sollicitudo rei socialis“).

 

Man kann es nur immer wieder sagen: Das Himmelreich beginnt auf Erden – auch und nicht zuletzt durch das Bemühen um Solidarität und Gerechtigkeit.