Europa

 

Von Prälat Prof. Dr. Friedrich Janssen

Geistlicher Beirat des Bundesverbandes

 

Seit dem 1. Mai 2004 sind die geografischen Grenzen Europas erheblich erweitert worden. Durch die Aufnahme von zehn neuen Mitgliedstaaten ist die europäische Gemeinschaft (EU) enorm gewachsen. Die Erweiterung der EU dokumentiert die Aufhebung der durch den Zweite Weltkrieg bedingten Trennung zwischen West- und Osteuropa und der Teilung des Kontinents. Vor allem die Integration der baltischen Staaten und Polens in die EU ist ein eindrucksvoller Beweis für diesen Tatbestand. Das Wort Willy Brandts im Zusammenhang mit der Wiedervereinigung Deutschlands: „Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört“, lässt sich auch auf die nun initiierte Einigung Europas übertragen. Die verschiedenen Völker und Nationen des alten Kontinents rücken zusammen, ohne ihre Identität zu verlieren.

 

Es stellt sich allerdings die Frage, was da nun in Europa zusammenwächst. Geht es den alten und neuen europäischen Staaten primär und vor allem um eine Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion? Wer Europa nur mit dem Währungsbegriff „Euro“ assoziiert, greift zu kurz. Auch ein gemeinsamer Markt und gemeinsame Sozialstrukturen schaffen noch kein geeintes Europa. Europa ist nicht reduzierbar auf eine ökonomische, finanzielle und soziale Basis, so wichtig diese ist, vielmehr erfordert die Einigung Europas die Beobachtung der aus dem humanistischen und christlichen Menschenbild resultierenden Prinzipien und Grundwerte (aus der Leipziger Erklärung des KKV). Entscheidend ist die Schaffung einer geistigen Union, eines Europas der Herzen, was eine Rückbesinnung auf die spirituellen, kulturellen und nicht zuletzt christlichen Wurzeln des Abendlandes postuliert.

 

Von einer solchen inneren Einheit sind wir aber meilenweit entfernt. Dies zeigt sich vor allem an dem fortschreitenden Trend zur Säkularisierung und Gottvergessenheit. Ein Symptom für diese Verweltlichung des Kontinents ist das Fehlen des Gottesbezuges in der Präambel der künftigen europäischen Verfassung. Die neue europäische Charta enthält zwar viele Grundsätze und Forderungen, wie sie sich aus dem christlichen Menschenbild ergeben, aber die Anbindung dieser Aussagen an Gott wird unterbunden. Wenn Gott aber nicht mehr als letzte und höchste Instanz anerkannt wird, wie können dann die in der Verfassung festgeschriebenen Werte auf Dauer erhalten und praktisch umgesetzt werden? Sie werden über kurz oder lang relativiert. Es ist nicht von ungefähr, dass gerade Länder wie Polen und Tschechien, die jahrelang einer marxistischen Indoktrination und antichristlichen Propaganda ausgesetzt waren, eine Aufnahme des Gottesbezuges in die europäische Verfassung fordern. Beschämend ist, dass Nationen wie Frankreich und Deutschland, die doch von ihrer geschichtlichen Entwicklung her ihre christlichen Wurzeln nicht ignorieren können, sich nicht für die Rezeption des Gottesbezuges einsetzen, sondern im Gegenteil sich dieser zum Teil vehement widersetzen.

 

Papst Johannes Paul II. sagt: „Es drängt sich die Notwendigkeit einer tiefgehenden Neuevangelisierung dieses unseres Europa auf, das manchmal die Verbindung zu seinen christlichen Ursprüngen selbst verloren zu haben scheint.“ Ohne eine solche Neumissionierung, die eine Neubesinnung auf Wesen, Wert und Würde des Menschen aus christlicher Sicht einschließt, wird der künftige Wirtschaftskoloss Europa auf tönernen Füßen stehen. Ohne Menschen, die sich als Geschöpfe und Ebenbilder Gottes gegenseitig respektieren, wird Europa ein seelenloser ökonomischer Apparat und eine hohle bürokratische Institution sein.