Leben im Alter

 

Prälat Prof. Dr. Friedrich Janssen,

Geistlicher Beirat des Bundesverbandes


 

Die Menschen werden – Gott und der Medien sei Dank – immer älter. So werden nach einer demoskopischen

Prognose im Jahre 2030 voraussichtlich 30 Prozent der Deutschen über 60 Jahre alt sein. Dieser Entwicklung trägt

der an vielen Universitäten eingerichtete Studiengang Gerontologie (Alterswissenschaft) Rechnung. Auch die aktuelle Rentendiskussion kreist um den demografischen Faktor des Immer-älter-werdens der Deutschen. In diesem Zusammenhang stellt sich stärker als bisher die Frage nach Stellung, Wert und Würde des alten Menschen in unserer Gesellschaft.

 

Ethischer Gradmesser für eine Gesellschaft, insbesondere für einen Staat, dessen Grundgesetz mit dem Artikel beginnt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, ist u. a. die Einstellung zu den Alten. Hier kommt vor allem auf den Prüfstand, ob und wie die Würde und Rechte älterer Menschen respektiert werden. Wie viele Jugendliche qualifizieren die Seniorinnen und Senioren als sog. „Gruftis“ ab! Dabei vergessen die jungen Leute, dass auch ihr Lebensweg einmal in die Straße des Alters einbiegen wird. Wie oft werden in unserer leistungsorientierten

Gesellschaft die Alten aufs Abstellgleis geschoben! Dort, wo Menschen rein „funktional“ nur unter dem Aspekt ihres

aktiven Anteils am Bruttosozialprodukt betrachtet werden, haben ältere Menschen keine Chance. Nicht nur das: Wer nichts leistet, alt, krank und gebrechlich ist, riskiert möglicherweise, sein Recht auf Leben im Alter zu verlieren. Hier verifiziert sich ein verhängnisvolles Junktim: Wer sich am jungen, ungeborenen Leben vergreift, greift über kurz oder lang auch altes, krankes und gebrechliches Leben an. Die in der Euthanasiediskussion so human klingenden

Formulierungen wie „Sterbehilfe“, „selbstbestimmter Tod“, „Sterben in Würde“ sind nichts anderes als vornehme Umschreibungen für das Töten.

 

Eine Gesellschaft wird auf Dauer nur dann humane Züge und ein kulturelles Niveau haben, wenn sie Wert und Würde

aller Menschen respektiert und alle Lebensabschnitte in ihrer je eigenständigen Bedeutung anerkennt, also auch die

älteren Menschen in das gesellschaftliche Leben integriert und so das Miteinander und die intergenerationelle Solidarität bewusst fördert. Dies bedeutet u. a., dass die Alten nicht ohne zwingenden Grund in Altersheime transferiert werden. Auch ist dafür zu sorgen, dass der alte Mensch, wenn er schon in einem Altersheim versorgt

werden muss, sich dort wohl fühlt. Gebe Gott, dass die alten Menschen solche Menschen finden, die ihnen Geborgenheit  schenken.

 

Nicht nur personale Zuwendung, sondern auch materielle und finanzielle Absicherung sind gefragt, um das Leben im

Alter zu erleichtern. Die aktuelle Rentendebatte verunsichert die ältere Generation. Nullrunden sowie erhöhte Eigenleistung bei der Pflegeversicherung belasten die Alten in einem nicht unerheblichen Ausmaß. Freilich müssen alle Bürgerinnen und Bürger, auch die Alten, Abstriche machen, damit die sozialen Sicherungssysteme wieder ihre Balance finden. Dabei wird aber oft vergessen, dass es die Kriegsgeneration war, also die heutigen Alten, die unseren Sozialstaat aufgebaut hat. Soll sie jetzt für ihre Leistungen bestraft werden? Wo bleibt da die Generationengerechtigkeit? Zusammenhalt und Gerechtigkeit, Solidarität und Verantwortung zwischen den Generationen sind hehre Prinzipien, sie bedürfen aber auch ihrer Umsetzung, ohne dass dabei die Alten über Gebühr zur Kasse gebeten werden.

 

Die alten Menschen bilden ein unschätzbares Potenzial an Lebenserfahrung und Lebensweisheit, auf die eine

Gesellschaft nicht verzichten kann: „Ein Ehrenkranz der Alten ist reiche Erfahrung, ihr Ruhm ist die Gottesfurcht“ (Sir 25,6); „Mag erst das Alter reden, der Jahre Fülle Weisheit verkünden“ (Ijob 32,7); „Verweile gern im Kreis der Alten“ (Sir 6,34). Übrigens: Alle wollen alt werden, aber niemand will alt sein. Ob hier nicht Nachhilfe in Anthropologie angezeigt ist? Das Leben ist in jeder Phase lebenswert und wertvoll, auch das Leben im Alter.