Die Katholische Soziallehre basiert auf den drei Grundprinzipien: Personalität, Solidarität und Subsidiarität, die sich letztlich aus dem christlichen Menschenbild herleiten. Von daher ist es geboten, dass ein katholischer Sozialverband je neu über seine Wurzeln und seine Konzeption vom Menschen meditiert. Jedwedes soziales
Engagement setzt das Wissen um das Wesen des Menschen voraus.
Der Mensch ist nicht das Produkt einer blinden Evolution, sondern Geschöpf Gottes. Als solches ist er nicht nur von Gott her (kausal), sondern auch auf Gott hin (.nal): „Durch ihn und auf ihn hin erschaffen“ (Kol 1,16). Gott ist Ursprung und Ziel des Menschen. Der Schöpfer ruft den Menschen nicht ins Leben, um ihn dann eines Tages gleichsam als auslaufendes Modell wieder ins Nichts laufen zu lassen; das Wesen des Menschen besteht nicht darin zu verwesen. Vielmehr hat Gott den Menschen zu einer dauerhaften Existenz berufen. Nach einem ewigen Heilsplan hat er „uns aus Liebe im Voraus dazu bestimmt, seine Söhne (und Töchter) zu werden und nach seinem gnädigen Willen zu ihm zu gelangen“ (Eph 1,5).
Viele Menschen glauben nicht mehr an eine ewige Bestimmung des Menschen. Repräsentativen Umfragen zufolge
schließt die Hälfte aller Deutschen ein Weiterleben nach dem Tode aus. Sie nehmen die Position eines biologischen
Realismus ein, die da lautet: Unser Leben ist ein biologischer Prozess, der mit Zeugung und Geburt beginnt und im
Tod endgültig endet. Wie alles Leben in der Natur, so hat auch das menschliche Leben einen Anfang und ein Ende; es ist dem unausweichlichen Gesetz des Entstehens und Vergehens, des Kommens und Gehens unterworfen. Die diese These vertreten, halten die Zeitspanne zwischen Geburt und Tod, die Existenz in den Dimensionen von Raum und Zeit, für das einzige Leben. Man lebt nur einmal. Das biologische Finale, der Tod, bedeutet das absolute Aus. Nach dem Tode kommt das Nichts, so sagen sie.
Wenn dem so wäre, müsste man sich fragen: Macht es Sinn, dass ich da bin, ja dass es überhaupt etwas gibt? Wozu die ganze kosmische und biologische Entwicklung bis hin zur Humanevolution, wenn sie letztendlich doch auf einen toten Punkt zuläuft? Wenn alles anfängt, nur um zu enden, weshalb fängt dann überhaupt etwas an? Wäre es nicht besser, erst gar nicht anzufangen zu leben, statt anzufangen um aufzuhören?
Nach christlicher Überzeugung sind Welt und Mensch nicht das Zufallsprodukt eines unkontrollierten, plan- und ziellosen Prozesses. Über unserem Leben schwebt nicht das Damoklesschwert eines blindwütigen Schicksals, vielmehr das Wohlwollen der göttlichen Vorsehung, die uns zu einem dauerhaften Dasein erwählt hat. Von dieser ewigen Bestimmung her erhält jedes menschliche Individuum seine unverlierbare Würde und Einmaligkeit.
Wer die transzendentale (= diese Welt überschreitende) Hinordnung des Menschen, nämlich seine Bestimmung für ein Leben bei Gott, ignoriert oder gar leugnet, ist außerstande, das Wesen des Menschen umfassend zu definieren und vermag auch nicht, die Frage nach dem Sinn des Lebens zu lösen. Wenn unsere Gesellschaft durch eine beispiellose Perspektiv- und Orientierungslosigkeit gekennzeichnet ist, so ist dies ein untrügliches Zeichen für die fortschreitende Säkularisierung, die den Menschen nicht mehr von Gott her in den Blick nimmt.
Hier ist der KKV gefordert, das christliche Menschenbild, insbesondere dessen Bedeutung für die Lösung der Sinnfrage, intensiver zu vermitteln. Unser Verband müsste es sich zu seiner spezi.schen Aufgabe machen, bei aller Notwendigkeit sozialpolitischen Handelns, stärker als bisher die tiefer liegenden Fragen und existenziellen Probleme des Individuums, vor allem die Frage nach dem Woher und Wohin, zu analysieren. Denn nur wenn der Einzelne weiß, wozu er da ist, kann er sich auch sinnvollerweise um die Belange des Mitmenschen kümmern und sich sozial engagieren. Das Solidaritätsprinzip fußt auf dem Prinzip der Personalität, das heißt auf der Kenntnis von Wert, Würde und Zielbestimmung der einzelnen menschlichen Person.
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